Zwei Weg Blog
Mittwoch, 16. Oktober 2019

Letztes Kapitel

                Letztes Kapitel   

Das war eine woche davor gewesen, seitdem war er nicht mehr im laden aufgetaucht. Bei der redaktionssitzung am sonntag, die generell eher zum bechern genutzt wurde, stand ploetzlich dieser Ken Schmitt an der hintertuere, redete nicht lange herum und trat ein. Eigentlich dachte man, der waere bereits tot oder zumindest im gefaengnis, schien sich jedoch bester gesundheit zu erfreuen. Mit dabei hatte er jene Sally von damals, welche auf diesem konzert gewesen war und dann im store aufgetaucht ist, die Frank ja unbedingt kennenlernen wollte. Nun stand sie wieder mal vor ihm, jedoch anders, als er sich in all seinen traeumen ausgemalt hatte. Trug jetzt hosenanzug, ihre haare waren hochgesteckt wie zu einem bienenstock und sie laechelte milde in seine richtung. Frank murmelte ein “hallo”, haette jedoch am liebsten losgeheult wie ein angeschossener hund, was muszte sie mit diesem polierten arsch antanzen, als waere die welt nicht verkackt genug. Drauszen wartete so ein grimmiger typ, der hoerte auf den namen Sven und schlosz auf geheisz von auszen die tuere. Das paerchen setzte sich an den tisch und Schmitt legte mit monotoner stimme los;

=Euer guter Jimmy hatte eine ganz boese pechstraehne, jungs. Er hat mir seine anteile am laden plus notgedrungen den herausgeber-sessel an eurer klo-lektuere abgetreten. Bin sozusagen euer neuer daddy=. =Habe meinen daddy nie gekannt und bin auch nicht heisz darauf=, platzte es aus Samuel heraus. Den anderen beiden war nicht ganz klar, war dies scherz oder schmerz, meinte er es ernst oder versuchte er diesen lackaffen blosz vorzufuehren? Da konterte Ken bereits in aller ruhe mit; =Dann wird es zeit, flaschenkopf. Aber ich will hier gar keine diskussion starten, weder mit dir, noch mit deinen zwei briefreunden=, fuhr er fort, =entweder ihr rudert mit, oder ihr geht ueber bord. Ich stampfe dieses billige toilettenpapier ein=, und dabei hielt er doch glatt eines der vergriffenen exemplare hoch, =und mache aus dieser wichsbude einen strip-club. Ihr koennt dann maximal als pausenfueller in euren verpiszten unterhosen auftreten=. Mittlerweile war dieser begleiter von drauszen reingekommen und baute sich hinter seinem bosz auf. =So einfach wird es nicht laufen, denn das Veni Vidi Vinyl hat auch einen stillen teilhaber=, bemerkte Wolfgang trotzig. =Der ist bereits auf meiner linie, seid euch sicher und neben mir sitzt die neue geschaeftsfuehrerin, macht euch beliebt, ihr trueben tassen=, und dabei streichelte er ihr sanft durchs haar. Das paszte nun ueberhaupt nicht zu dem ganzen rummel, dachte sich Frank, und ueberhaupt, der soll gefaelligst seine schmierigen griffel von ihr lassen. =Du hast hier ueberhaupt nichts zu melden, sugar-daddy=, fuhr er ihn an. Woraufhin er von Schmitt´s begleiter eine gescheuert bekam, dasz er samt seinem stuhl umkippte. Der ganze raum begann sich ploetzlich um Frank zu drehen, als waere er in einer waschmaschine gelandet, Samuel und Wolfgang beugten sich ueber ihn, doch er hatte nur augen fuer diese Sally. Die hatte sich gerade einen holzstab aus ihren haaren gezogen, schuettelte ihre maehne aus und begann doch glatt lasziv loszutanzen. War dies jetzt schon ein vorgeschmack auf den erwaehnten strip-club oder was ging da ab, sah Frank alles ploetzlich nur mehr in schwarz-weisz, irgendwie war die farbe raus, wohl eine stoerung. Sie deutete ihm mit beiden haenden, er moege naeher rankommen, doch der konnte sich wieder mal nicht bewegen, als wuerde er am boden festkleben. Die zog eine nummer ab, so etwas hatte er ueberhaupt noch nicht gesehen. Das wasser lief ihm im munde zusammen – oder war das blut, schmeckte irgendwie komisch. Ploetzlich traf eine ladung wasser den niedergeschlagenen mitten ins gesicht. Hustend kam er wieder zu sich, blickte herum wie ein begossener pudel und die kumpels hievten ihn hoch. Seine beine fuehlten sich an wie aus gummi. Ken Schmitt entschuldigte sich zynisch fuer die undiszipliniertheit seines begleiters, der inzwischen wieder den raum verlassen hatte. Jedoch sei es das beste, sich einfach mit der gegebenen situation anzufreunden, denn alternativen stuenden nicht zur debatte. Sally sasz sprachlos auf ihrem sessel und blickte etwas betroffen, als haette es die kleine einlage nie gegeben. Frank wuszte nicht mehr was hier los war, er stand neben der handlung, irgendwie war es ziemlich still geworden. Kurz darauf erhoben sich die beiden ungeladenen gaeste und verschwanden wieder, so ueberraschend wie sie gekommen waren.

In den ersten minuten danach sprach keiner der crew ein wort. =Das ist doch pferdepisse, der kann uns mal, dieser gelackte arsch=, hatte sich Samuel als erster wieder im griff. =Du kannst leicht reden=, erwiderte Frank etwas unverstaendlich, =hast erstens keine auf die schnauze bekommen und zweitens einen job=, hielt er sich die backe. =Du hast ja gleichfalls einen job, einen guten sogar, wir sind doch kollegen, mann=, kam es zurueck. =Klar, aber mein herz steckt in diesem laden. Seit jeher traeume ich davon, hier fix angestellt zu sein. Rock & roll statt gruenzeug=, stellte er klar. =Aber das fanzine war mein baby, vergisz das nicht. Auch ich habe etwas zu verlieren, vergisz das ja nicht=, schrie Samuel veraergert. =Wir muessen uns wehren, duerfen dies nicht so einfach hinnehmen=, wirkte Wolfgang kaempferisch. =Um dann mit gips-flossen im flusz zu schwimmen=, gab Frank zu bedenken. =Du traeumst doch ohnehin bereits die laengste zeit von dieser Sally=, schaeumte Samuel immer noch, =obwohl du ihr gleichgueltig bist. Kuenftig in ihrer naehe zu sein, waere doch etwas, oder?=. =Auf diese art von naehe kann ich verzichten, die hat doch scheinbar ohnehin laengst die seiten gewechselt, von der rock-fraktion ist die schnurstracks in die business-abteilung uebergelaufen=, lautete das enttaeuschte fazit.

Am montag traten Frank & Samuel wie ueblich ihren job in der gaertnerei an und Wolfgang sperrte den plattenladen auf. Davor, in einer limousine, wartete bereits Schmitt mit seiner geschaeftsfuehrerin und ueberraschenderweise auch diesem teilhaber, der vom Garage Sounds label. Sah irgendwie ulkig aus mit diesem kopfverband. Jedenfalls praesentierte er dokumente, wonach das Veni Vidi Vinyl zur gaenze an Ken Schmitt uebergegangen waere. Irgendwie muszte man mit so etwas ja immer rechnen. Jimmy war nie wieder im laden zu sehen gewesen, auch nicht in der stadt. Niemand wuszte wo er geblieben war. Geruechten zufolge sollen ihm, nach einer durchgespielten nacht, nur mehr die beine zum davonlaufen geblieben sein. Seine mutter war ja fuer ihm laengst keine option mehr gewesen, denn sie starb bereits vor jahren, ihr bescheidenes erbe hatte er damals umgehend verspielt.

Die stimmung im laden war nie wieder wie frueher. Alte kunden blieben mehr & mehr fern, neue, unbekannte leute kamen & gingen. Der umsatz wurde scheinbar weniger, doch pakete wurden angeliefert und wieder verschickt, dicke bilanzen gelegt. Frank´s einsaetze im store wurden immer seltener, er fuehlte sich ohnehin nicht mehr wohl dort, die luft war raus. Bald gab es für ihn gar keine verwendung mehr. War ihm ohnehin total egal, irgendwie glich es am ende auch einer erloesung. Alles was hier etwas gezaehlt hatte, war verschwunden, wie wenn alle blaetter von den baeumen gefallen sind, weil sich der frost beginnt auszubreiten. Wolfgang ging danach freiwillig, um ihm brauchte man sich keine sorgen machen, der kam immer wieder auf die beine. Im notfall koennte ihm Samuel in der gaertnerei unterbringen, dann waere dies legendaere trio wieder vereint. Das fanzine war uebrigens nach zwei weiteren ausgaben bereits eingestellt worden. Schluszendlich hatte Schmitt auch fuer Sally keine verwendung mehr gehabt - in keiner weise. Die hatte sich alles ohnehin anders vorgestellt, das ganze lief eher kontraer zu ihren erwartungen und seine leute waren ohnedies laengst an allen positionen. Hatten zwar null ahnung vom rock & roll, doch der spielte hier ohnehin keine rolle mehr.

                   E N D E
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